“Wir wollen alle geiles Essen”

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Essen & Trinken / Food / Social Business

Die Food Assembly in Kreuzberg

Es klingt hammerhart, kommt aber von Herzen: Hans-Christoph Peters, Landwirt in Brandenburg, würde seine Rinder am liebsten direkt auf der Weide erschießen und zum nächstgelegenen Schlachter bringen. Statt sie meistbietend an Fremde zu verkaufen, sie auf einen LKW zu verladen und womöglich stundenlang über die Autobahn zu schicken. Ich will davon eigentlich gar nichts wissen, ich mag Rinder am liebsten lebendig. Mit Hans-Christoph unterhalte ich mich trotzdem ganz gern. Wir kommen in der Lisboa Bar am Boxhagener Platz ins Gespräch, bei der Friedrichshainer Food Assembly. Kurz: einer kleinen Versammlung für gutes Essen. Ein “Futter Kollektiv”, wie mein Freund die “Food Assembly” mal eben lässig ins Deutsche übersetzt.

Was in aller Welt ist eine Food Assembly? “Gib deinem Bauern die Hand” ist hier das Motto. Via Internet bestellt man Obst und Gemüse, Fleisch, Käse, Brot und Feinkost bei regionalen Bauern. Das holt man sich dann bei sich im Kiez ab, wenn sich ein Café oder eine Bar in der Nachbarschaft einmal die Woche in einen Markt verwandelt.

Einmal die Woche kommen hier ausgewählte regionale Landwirte und Feinkost-Macher in die Lisboa Bar, um im Kiez Obst und Gemüse, Käse und Marmelade und eben auch Fleisch zu verkaufen. Die Bar ist klein, man kennt sich und eigentlich alle haben Lust, nicht nur ratzfatz einzukaufen, sondern auch zu plaudern. Bauer Hans-Christoph bringt es so auf den Punkt: “Wir wollen alle geiles Essen. Da sind hier schonmal alle auf einer Wellenlänge.”

Die Idee kommt aus Frankreich

Die Food Assemblies kommen aus Frankreich zu uns und breiten sich jetzt auch hierzulande aus. In Berlin gibt es schon neun Food Assemblies, u.a. im Wedding, in Kreuzberg und in Pankow, drei sollen bald dazukommen. Die Idee ist so einfach wie genial: Regionale und lokale Bauern und Feinkost-Macher bieten ihre Produkte einmal die Woche in der jeweiligen Assembly an. Ein Café, eine Bar oder ein Kulturzentrum im Kiez verwandelt sich dann für zwei Stunden in eine Markthalle en miniature. Zu essen gibt’s, was die Saison hergibt. Nicht mehr, nicht weniger. In der Kreuzberger Assembly, die sich immer donnerstags im Food Hero in der Gräfestraße trifft, gibt’s im November Kürbis und Ziegenkäse, Mangold und Marmelade, aber auch Schinken und Kokos-Tofu. Und natürlich die bodenständigen Herbstklassiker: Äpfel und Kartoffeln. Manches kriegt man selbst im Biomarkt nur mit Mühe oder gar nicht: wie Brennesseln von Angelika Glawes Hof in Märkisch Luch und die Herzen von Sattelschweinen, die die Haegeles von ihrem Braunsberger im Ruppiner Land mitbringen.

Auf den Teller statt in den Müll

Der Clou des Ganzen: einfach spontan hinkommen und lecker einkaufen, das geht nicht. Man muss Mitglied “seiner” Assembly werden. Das ist leicht, nach ein paar Klicks im Internet ist man an Bord. Schon härter: Man muss sich vorab entscheiden, was man haben will. Wenn man gern auch ein paar von den leckeren Äpfeln mitnehmen möchte oder noch Kartoffeln für das Abendessen braucht, dann hat man Pech gehabt und wird auf die nächste Woche vertröstet. Klingt zunächst also erstmal ziemlich unbequem, bringt aber auch Gutes mit sich. Denn die Erzeuger wissen genau, was sie ernten müssen, und bringen nicht zuviel mit, was sie nachher bestenfalls verschenken und schlimmstenfalls wegschmeißen müssen. Für die meist kleinen Erzeuger, die präzise wirtschaften müssen, um über die Runden zu kommen, ein echter Vorteil. Die Preise sind moderat, auch wenn viele Kollektiv-Mitglieder wohl bereit wären mehr zu zahlen. Zum einen liegt den Erzeugern was daran, zum anderen haben sie weniger Kosten als auf dem Markt oder im Supermarkt, wo sie mehr von ihren Umsätzen abgeben müssen. In den Food Assemblies gehen nur 16 Prozent davon an die Organisatoren.

Angelika Glawe

Angelika Glawe

Eine Rampensau tut der Assembly gut

Angelika Glawe ist die Rampensau in vielen Berliner Assemblies. Und das ist ganz lieb gemeint. Die gemütlich-rundlich-lebhafte Landwirtin ist in den “Futter Kollektiven” in Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte und Pankow so gut wie zu Hause. Von ihrem Hof, den sie zusammen mit ihrem Mann und Helferin Sieglinde zwischen Brandenburg und Nauen führt, bringt sie mit, was die Felder, Saftkellerei und Marmeladenküche so hergeben. Und sie lässt sich durch nichts davon abbringen, draußen vor der Assembly ihren kleinen Stand aufzuschlagen, bis ihr die Finger einfrieren. Zusätzlich zu den Assemblies beliefert sie auch Berliner nach dem Modell der Solidarischen Landwirtschaft – und kann mittlerweise von beidem auskömmlich leben, sodass sie auf konventionelle Vertriebswege gar nicht mehr angewiesen ist. Auch in der Solidarischen Landwirtschaft kauft man direkt vom Landwirt, was die Saison gerade bietet, legt sich aber langfristig fest, bekommt regelmäßig eine Mischung von Bauern nach Hause geliefert und macht auch bei ein paar “Sobotniks” im Jahr auf dem Hof mit.

Damit eine Food Assembly wächst und gedeiht, braucht es mehr als Bauern, Bäuerinnen und Kunden. Es braucht jemand, der die Fäden zusammenhält, sich um den Ort, die Landwirte und die Käufer kümmert und kräftig Werbung macht. Kurz: eine gute Seele. Oder zwei. Voilà: jede Food Assembly hat Gastgeber. Wie die Französin Violette und den Food Hero-Besitzer Daud in Kreuzberg und Andreas in Friedrichshain, auch er hat die Idee aus Frankreich mitgebracht.

Andreas, Gastwirt der Friedrichshainer Assembly

Andreas, Gastgeber der Friedrichshainer Assembly

Ohne beherzte Gastgeber läuft gar nichts

Violette hält in der Kreuzberger Gräfestraße alle mit französischem Charme bei Laune, wenn’s in der Schlange mal länger dauert. Andreas begrüßt viele “seiner” Mitglieder mit Namen und Handschlag, kümmert sich um Kaffee für “seine” Landwirte und hält überhaupt alles am Laufen. Und Daud kredenzt Landwirtin Angelika schon mal ein Sandwich, bevor sie draußen vorm Café ihren Stand aufbaut.

Daud, einer der beiden Gastwirte der Kreuzberger Assembly

Daud, zusammen mit Violette ist er Gastgeber der Kreuzberger Assembly

Berliner müssen damit erst noch warm werden

So verrückt wie viele Berliner nach gutem, bewusstem Essen sind, werden sie sich bei den Food Assemblies dicht an dicht drängen. Hatte ich erwartet. Die Idee müsste hier voll einschlagen. Tut sie aber nicht. Noch nicht? Bei meinen – bisher drei – Besuchen, hatten sie eher den Charakter von kleinen, feinen Geheimtips. Da geht bestimmt viel mehr. Ich glaube, bislang haben es einfach noch zu wenige Berliner mitgekriegt.

Zur Assembly in Kreuzberg kommen um die 25 bis 30 Leute an den Abenden, an denen ich dort bin. Zu seinem “harten Kern” der Kunden, die jede Woche kommen, zählt Gastgeber Daud zehn bis zwölf Kreuzberger. Im Sommer, inmitten von Urlaubszeit und Ausflügen zum See, brauchten die Friedrichshainer ganz schön Durchhaltewillen. Da sei es zeitweise ganz schön leer gewesen und gerechnet habe sich die Tour nach Berlin dann eigentlich nicht für ihn, sagt Landwirt Hans-Christoph. Er wollte aber unbedingt dranbleiben, obwohl er seine Rinder auch für rund 1.200 Euro an Großabnehmer hätte verkaufen können. Aber diese Art des Wirtschaftens behagt ihm einfach nicht. Lieber verkauft er sein Fleisch an Kunden, die es wertschätzen. Außerdem ist er einem Plausch nie abgeneigt und kommt gern mit seinen Fleischessern ins Gespräch. Wie mit der jungen Frau, die neulich ein ganzes Kaninchen bei ihm gekauft hat. Ihr legt er die Empfehlung ans Herz, doch unbedingt die beiden Bäckchen zu essen: “Die sind das Leckerste!”.

Gemüse bekommt ein Gesicht

Als Vegetarierin ist das nicht unbedingt mein liebstes Gesprächsthema. Aber wenn ich Fleisch essen würde, dann so. Auch mit Landwirtschaft hatte ich eigentlich nie viel mit Hut. Kommt ein Gesicht dazu, wird es schon spannend. Wenn Angelika erzählt, wie sie mit Hochbeeten wachsen will — und muss, weil sie sonst kaum Land bekommt, zu viel davon geht in Brandenburg in die Hände weniger großer Agrarunternehmen. Oder wenn Hans beschreibt, was es eigentlich konkret heißt, seinen Tieren jenseits der Massentierhaltung ein gutes Leben zu geben. Und weil man ja das eigentliche Einkaufen schon vorher im Internet erledigt hat und am Assembly-Abend fertige Päckchen mit dem eigenen Namen überreicht bekommt, bleibt auch genügend Zeit zum Plaudern. Angelika gibt ein erprobtes Rezept für den Butternusskürbis mit auf den Weg. Dank Thomas von den “Milchmädels” (stimmt wirklich !) weiß ich, dass es Liebe ist, wenn es im Winter keinen Frischkäse gibt. Weil seine Schafe dann ihre Lämmer großziehen und erst mal Ruhe vom Melken brauchen. Nicht alle Schafhalter gewähren ihnen diese Ruhe.

“Weil die Sachen hier sehr, sehr lecker ist”

Bleibt noch eine Frage: warum kaufen eigentlich die anderen bei einer Food Assembly ein? Dafür habe ich mir in Kreuzberg Felicitas geschnappt, die mir auch erzählt, was sie dort neu entdeckt hat:

Foto im Hintergrund: Sonny Abesamis (flickr/cc)

Ein paar Links: die Food Assembly in Friedrichshain auf Facebook, die Kreuzberger Food Assembly im Netz, Landwirt Hans-Christoph mit seiner Facebook-Seite und der Blog-Beitrag vom Social Impact Lab, durch den ich die “Futter Kollektive” entdeckt habe (runterscrollen zum 23.10.15), und hier ein Film des rbb über die Berliner Food Assemblies

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